Mehr geht nicht

Fast hätte ich die Umfrage hier vergessen! Mein neuer London-Blog hat meine ganze Aufmerksamkeit. Er gedeiht prächtig: www.small-talk.one

Was ist denn nun bei der Abstimmung herausgekommen? Hurra, ich konnte es gar nicht glauben, denn mehr Zustimmung geht nicht. Die Zahl der LeserInnen, die teilgenommen haben, ist gar nicht so wichtig. Wirklich von den Socken hat mich die Ermunterung zum Weitermachen geholt. Sie waren sich 100 % einig! DANKE für das dicke Lob.

 

ergebnis

prozent
Nicht nur die Beteiligung sondern auch meine gute Laune is going through the roof. Thank you all for your voting.

 

Natürlich habe ich die Umfrage ernst genommen und mich nur allzu gerne zum Weiterschreiben überreden lassen. Seit Anfang des Jahres plaudere ich unter dieser Webadresse: www.small-talk.one

Thank you so much!

london2

Ja, dieser Blog ist beendet. Wie angekündigt wird kein Beitrag mehr erscheinen. Und doch klicken täglich Besucher diese Webseite an und halten mir die Treue. Dafür mal ein dickes Dankeschön. 

Manchmal blättere ich ja selbst im Luv-London-Blog und erinnere mich gerne an die Erlebnisse, die mir die Stadt und oft auch George zu bieten hatten. Ich glaube eine zeitlang kann das hier ruhig noch stehen bleiben.

Mein Tagebuch führe ich natürlich auch in diesem Jahr weiter. Aber jetzt ist es wieder unter Verschluß. Es war schön meine Geschichte erzählen zu dürfen. Sie hatte ein happy end. Da lässt sich dann nichts mehr draufpacken.

Und trotzdem fehlt mir das Erzählen. Noch immer fasziniert mich London, begeistert mich der Engländer und interessiert mich der Unterschied zum vertrauten Deutschland. Und natürlich habe ich diesen Blog fortgesetzt, wenn auch mit neuen Regeln. Ich erzähle weniger von George und mir und dafür mehr über London. So ganz lässt sich das aber nicht trennen. Meine Berichte sind kürzer, dafür aber täglich geschrieben! Und nach einem fast zweimonatigen Probelauf, scheint das neue Konzept aufzugehen. Der neue small talk hat seine Leser gefunden. Sie sind natürlich alle herzlich eingeladen.

button

www.small-talk.one

The circle closes

Der Kreis schließt sich. Morgen feiern wir Silvester, New Year’s Eve party at Trafalgar Square. Wir singen Auld Lang Syne, lauschen dem Countdown, küssen uns, schauen dem Feuerwerk zu und ich werde heulen wie ein Schloßhund. George wird sich ratlos fragen warum mir trotz Umarmung die Tränen noch immer laufen und ich werde genauso ahnungslos antworten: „I don’t know either.“

Should auld acquaintance be forgot
and never brought to min‘?
Should auld acquaintance be forgot
and days of auld lang syne?

Ich glaube der Text ist gälisch, aber das ist unwichtig. Es ist auch gar nicht notwendig ihn wörtlich zu verstehen. Er wendet sich nicht an den Verstand, sondern an die Seele. Es sind Abschiedsworte an die Verstorbenenen des letzten Jahres. Ihre Körper sind gestorben, ihr Verstand ist ohne Batterie nutzlos. Und doch können wir ihnen einen Gruß senden. Indem wir im Moment der größten Freude an sie denken und es ihnen mit dieser Melodie vermitteln. „Go well my friend. I will miss your company. I will not mourn your departing but celebrate your life and the great times that we had together.“

st-paulsWenn ich auf das Jahr zurückblicke, kann ich nur staunen. Wohl das glücklichste meines langen Lebens. Wie gut, dass ich diesen Blog geschrieben habe, so habe ich mir selbst eine liebgewordene Erinnerung erschaffen. Wenn ich hier nachlese, kann ich das kommende Jahr schon erahnen. Im Januar und Februar wird London leerer als sonst sein. Die Touristen bleiben aus und die Stadt gehört sich selbst. Für mich Gelegenheit endlich das ’normale‘ Besucherprogramm nachzuholen. Es gibt so vieles was ich noch nicht gesehen habe: St. Pauls Cathedral und Westminster Abbey, Windsor Castle und Eton College, das Royal Observatory in Greenwich und vielleicht doch einmal die Runde im London Eye drehen.

For auld lang syne, my dear
for auld lang syne
we’ll take a cup o’kindness yet
for auld lang syne

queenDann ist schon März und der Frühling weht ins Land. Die Parks werden grün. George kümmert sich um den Garten und weckt die Bienenkönigin aus ihrem Winterschlaf. Ende des Monats feiern wir seinen Geburtstag und gleich danach lassen wir die Queen hochleben, sie wird 90 Jahre alt werden. Auftakt zur längsten Birthday Party, die man in London je erlebt hat. Erst wird die Stadt von allen Bürgern gemeinsam gesäubert (Clean for the Queen day) und dann wird drei Monate lang gefeiert. God bless the Queen. 

We twa hae run about the braes
and pou’d the gowans fine
but we’ve wander’d mony a weary foot
sin‘ auld lang syne

sheepOstern steht vor der Tür. Die Lämmer werden geboren und schon bald laufen sie kunterbunt angemalen ihr Rennen beim Lamb National. In Bahnhofshallen und auf den Straßen springen die Morris Dancer um die Wette. Die Tagen werden länger, das Leben kehrt zurück und Londons Straßen füllen sich wieder mit Touristen. Der Engländer ist in seiner Seele tief in der Natur verankert; das gilt auch für die Hauptstadt und ihre Bewohner. Sobald es draußen wärmer wird, erwacht die Lebensenergie der Menschen. Sie fangen irgendwie an zu strahlen und es tut gut sich dieser Freude hemmungslos hinzugeben. 

brightonIm Mai machen wir Ausflüge. Cornwall, Somerset oder mal auf die andere Seite der Insel, zur Themsemündung. Egal wo, Englands Landschaft ist überwältigend schön. Ein Besuch at seaside ist unverzichtbar, aber es macht auch Spaß. Im Juni müssen wir wieder in der Stadt zurück sein. Da steigt die dreitägige Queen-Birthday-Party. Ganz London wird auf den Beinen sein, singen, tanzen und Spaß haben. Ich hoffe es wird so gut wie die Olympia Eröffnungsfeier 2012, das war sensationell. Zwischendurch feiern wir dann noch schnell meinen Geburtstag.

We twa hae paidl’d in the burn
frae morning sun till dine
but seas between us braid hae roar’d
sin‘ auld lang syne

Dann kommt schon die Urlaubszeit. Nächstes Jahr verreisen wir. Ja! Ganz bestimmt! Abwarten … Im Juli gehe ich in Rente. Eigentlich ein tiefer Einschnitt im Lebenslauf, aber eigentlich erwarte ich keine großen Veränderungen. Anders würde ich empfinden, wenn auch George es zum Anlass nimmt, das Berufsleben hinter sich zu lassen. Auch hier gilt: abwarten.

Die Sommermonate geniessen wir besonders, egal ob in London oder Hamburg. Abends lange auf der Terrasse sitzen, das eigene Obst naschen, Pimm’s trinken. Tagsüber eine der vielen Sportveranstaltungen besuchen, die eigentlich mehr gesellschaftliches Treffen sind. Ganz ungezwungen, ganz easy. Eben sommerlich, mit leichter Kleidung.

Im September zieht es uns in die Wälder. Wild beobachten, fotografieren, oder einfach nur die wunderbare Herbstimmung wahrnehmen. Falls George sein Häuschen in Hamburg behält, können wir durch den Wohldorf Wald und den Duvenstedter Brook laufen; falls wir in London sind, besuchen wir den Richmond Park, wo einem die Hirsche fast immer über den Weg laufen. Schließlich werden wir wieder dabei sein, wenn die Schwäne gemessen, gewogen und gezählt werden. Auch das lässt sich in beiden Städten arrangieren.

And there’s a hand, my trusty feire
and gie’s a hand o’thine
and we’ll tak a right gude-willie waught
for auld lang syne

Schließlich wird auch 2016 vorbeigehen, wird Platz machen für die Zukunft. Ankommen, Ruhe finden, weiter ziehen. Ein perfekter Lauf, der ins Stolpern kommt, sobald man ihn kontrollieren möchte. Gedanklich bin ich jetzt schon fast zwölf Monate im voraus und das ist eindeutig am Ziel vorbeigerannt. Wer weiß was passieren wird? Zum Glück niemand, denn alles ist möglich.

And surely ye’ll be your pint-stowp
and surely I’ll be mine
and we’ll tak a cup o’kindness yet
for auld lang syne.

radWenn wir morgen das city’s annual fireworks display ansehen, dann jährt sich für mich erstmals ein Londoner Ereignis. Das ist nicht irgendein Feuerwerk, sondern eine Illumination der Sonderklasse. Lange geplant, die Tickets wurden bereits im Juni verkauft, und der Besucherrekord liegt bei 250.000 Menschen. Sie sammeln sich an der Themse, wo das Riesenrad London Eye im Mittelpunkt der Show steht. Besuchertribünen sind am Victoria Embankment aufgebaut, eine Uferstraße am nördlichen Themserand, und man muß ein gültiges Ticket für mindesten £10 haben. Wer mehr ausgeben kann/will, hat gute Alternativen. Es gibt zahlreiche rooftop bars in der City, die einen spektakulären Blick auf das Feuerwerk bieten. Vorbestellung des Tisches am besten im Januar aufgeben. Einen Erste-Reihe Platz, und zwar kostenlos, bieten die Brücken: Tower Bridge, Southwark Bridge and the Millennium Bridge. Allerdings kann es dort richtig eng werden, man sollte keine Angst vor Menschenmassen haben. Wer es selbst krachen lassen will, mietet sich in einem der citynahen Hotels ein. Das Corinthia liegt ideal. Entweder man bucht das New Year Eve’s dinner oder man nimmt ein Zimmer mit Ausblick und macht es sich im Bett bequem.

George schwört auf die Herrentoilette der Shard Bar. Sie liegt im 34. Stock des Skyscrapers und man kann stehend über Groß-London blicken. Einmalig. Leider nichts für Mädchen.

big-ben

Wie auch immer, die meisten Londoner werden zu Hause mit Familie TV sehen und viel Spaß haben. Das ist genauso gut. Wo auch immer, versuchen Sie voller Vorfreude und gleichzeitig OHNE konkrete Erwartungen in das neue Jahr zu kommen. Es hat bestimmt auch für Sie viele Überraschungen im Gepäck. Machen Sie sie nicht gleich zunichte indem Sie von vornherein etwas ganz Bestimmtes erwartet. No conditions, no expectations, no restrictions. Ich beschränke mich auf zwei Wünsche, die ich an zwei besonders schönen Raketen festmachen werde. Die Erste: Ich schiesse symbolisch etwas in den Himmel, vielleicht sogar bis auf den Mond, was ich einfach nicht mehr länger in meinem Leben haben will. Und die Zweite: Ich lasse etwas Neues in mein Leben krachen. Letztes Jahr hat das einwandfrei funktioniert. Alles Gute – a Happy New Year!

Begonnen habe ich diesen wunderbaren Blog, der mir sehr viel Freude gemacht hat, mit einem Wort von Hermann Hesse. Enden will ich mit einem klugen Satz von Goethe, der in seinem Gedicht ‚Willkommen und Abschied‘ nachzulesen ist:

Du gingst, ich stund und sah zur Erden 
Und sah dir nach mit nassem Blick. 
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden, 
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

He laughs best that laughs last.

leserbriefe
Ich liebe englische Leserbriefe. Oft sehr witzig.

Fast haben wir es geschafft: Ein Jahr Luv-London Blog! Der Jahreswechsel 2015/16 steht vor der Tür. Mancher zieht Bilanz, fixiert die kommenden Ziele und wünscht sich etwas für Herz und Seele. Silvester wird gefeiert, dann lassen wir es krachen oder gehen festlich aus. Man kann auch beides verbinden. In diesen Tagen sind die meisten fröhlich, viele haben Urlaub, man trifft sich abends im Pub und erzählt sich Witze. Oder erinnert sich an die komischten, peinlichsten, witzigsten Momente des letzten Jahres. Machen wir es doch auch so.

Wann immer ich eine englische Tageszeitung gelesen habe, blieb ich stets bei den Leserbriefen hängen. Sie sind in England eine Klasse für sich. Lange dachte ich sie wären von Profis geschrieben worden, aber es scheinen ganz ’normale‘ Leser gewesen zu sein, die hier ihre Meinung kund tun. Oft so witzig und skurril, dass man sich fragt, ist das jetzt ernst gemeint? Entscheiden Sie selbst:

Zum Thema Gentlemen

gentleman
Gentlemen never make a fuss.

Gentlemen over a certain age should steer clear of three things: ponytails, McDonalds and denim jeans. (T.H. from Lichfield)

… in a crowded train a seat-less lady cried: Are there no gentlemen in this carriage? An elderly bowler-hatted gentleman peered over the top of his newspaper and replied: Plenty of gentlemen, madam; just no seats. (P. F. from Wiltshire)

Bumble-bees are nature’s gentlemen. They lie on their backs because they have fallen that way and are stuck. To help them, gently touch their feet with one finger. They will cling on; then bring them up to turn them the right way up and they will fly off. They never sting me. (Beekeeper George)

Wie isst man ein Croissant mit Würde?

Anm.: Der Engländer tut sich da schwer. Gerne versucht er es mit Messer und Gabel.

Take advantage of any sunny ten minutes to have your croissant in the garden, where you will soon attract a number of small feathered friends who will be delighted to oblige with the clean-up. In the absence of suitable weather, acquire a labrador dog. (E. B. from Framlingham)

Was macht man mit einer geerbten Kollektion von 100 Jakobsmuscheln?

I suggest to fill a large bath with sand, scatter the shells over the top, together with the odd plastic bottle, tin can and maybe a smidgen of seaweed, call the creation ‚Full Circle‘ and enter it for the Turner Prize. (D.B. from Lavenham)

rugby-player
Lasst die Kinder zu mir kommen. Rugby Player beim Premier.

Wie wird man Sperrmüll los?

My daughter put an old fridge in her front garden ready to be taken by the council. There it sat for several days, until she placed a note on it reading „£30“. It was gone by the morning. (M. T. from Headley)

Wie bereitet man den Tee richtig zu?

Warm the pot. Pot to kettle not kettle to pot. Leave to brew, yet not to stew. Das Grundwissen des Teekochens, kann jedes Kind aufsagen.
Und wenn es doch mal ein Teebeutel sein muß? Dann hilft ein Trick: If you must use a tea bag in a mug, cover it up while it brews. This compromise makes all the difference! 

Ist schnelles Gehen gut für die Gesundheit?

I find the latest research on the health benefits of a brisk walk most reassuring. Returning from my daily excursion in the recent weather conditions of west Scotland, I have never felt nearer death. (P. W. from Prestwick)

Wenn der Engländer romantisch wird …

Back in the Thirties, my father proposed to my mother with the pragmatic question: „Why don’t we join our money together?“ That worked for some 69 years. (R. A. from Grouville)
In Irland formulieren sie den Heiratsantrag noch bodenständiger: How would you like to be buried with my people? (B. W. from Chichester)

totgelacht
Totgelacht? Nee, nur ein bißchen müde.

Ich könnte noch stundenlang meine gesammelte Meinungen englischer Leser hier einfügen; ich hoffe die Auswahl hat auch Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Falls Sie mehr davon haben wollen, dann sollten sie die Engländer einfach mal besuchen. Setzen Sie sich in einen Pub oder kaufen Sie sich Fish & Chips und machen Picknick in einem der Londoner Parks. Beobachten Sie die Leute um sich herum, versuchen Sie ein paar Sätze aufzuschnappen und irgendwann passiert es dann. Sie werden lauthals loslachen und wenn es gut läuft Freunde für’s Leben finden. Viel Spaß.

With your nose so bright

Ich bin durch mit meiner Erkältung und George ist auch wieder unter den Lebenden. Heute morgen fühlte er sich so gut, dass er kurz überlegte sich die Runners anzuziehen. Aber da bremste ich ihn aus, das ist irgendwie nicht der richtige Start nach drei Tagen Bettruhe. 

kate
Die Royals waren gestern alle in der Kirche. Kate trug traditonelles Grün. Prince George mußte/durfte zu Hause bleiben.

Ohne Fieber, ohne Kopfsausen, aber mit Schniefnase saßen wir am Frühstückstisch als Dean Martin im Radio sang: Rudolph had a very shiny nose, and if you ever saw him, you would even say it glows. Eigentlich wollte ich nicht lachen, aber es beschrieb sehr schön das Gesicht, dass ich gerade vor mir sah. Zum Glück fällt es den Engländern leicht über ihre eigenen Schwächen Witze zu reißen; da sind sie unschlagbar. Apropos Rudi, kennen Sie eigentlich die Namen der anderen Rentiere? Also der viel besungene Rudolph zieht den schweren Schlitten ja nicht alleine durch die Nacht. In England kann ihnen jedes Kind die ganze Rasselbande nennen:  Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner, Blitzen und Rudolph. Ich habe es auswendig gelernt, weil es seit Wochen in jedem Pub Quiz gefragt wird.

elizabeth1
Die Queen das ebenfalls nicht verzichtbare Rot. Die Damen haben sich abgestimmt.

Gleich nach dem Frühstück ziehen wir tatsächlich los. Ein Spaziergang wird gut tun. Es sind milde 15° und uns kommen einige Läufer entgegen, viele von ihnen in kurzen Hosen. Wir gehen eine Runde in der Heath und stoßen auf ein großes Rudel Hirsche. Die sind dort nicht selten, aber diese Tiere lagerten am Weg und standen dann erst einmal ganz nahe rund um uns herum. Mir tat das gut, denn solche unerwarteten Begegnungen, also wenn die Tiere mich finden und nicht umgekehrt, empfinde ich immer als ein Geschenk und das gibt mir real spürbare Energie. Genau das brauchten wir heute morgen, besser hätte es nicht kommen können. Danke!

Gestern hatte ich den niedlichen Weihnachtsgruß von Major Tim in meinem Beitrag gezeigt. Der Raumfahrer mit dem Hund auf seiner Schulter. Der reale Tim, der übrigens dieses Bild aus der Raumstation selbst gepostet hatte, kämpft mit sehr irdischen Schwierigkeiten. Er versuchte, wie so viele, seine Lieben am Weihnachten anzurufen. Ich denke technisch geht das problemlos via Satellit, also er kann jede beliebige Rufnummer anrufen. Nun, sein erster Versuch galt seinen Eltern. Und was passiert? Er landet beim Anrufbeantworter! Seine Eltern waren kurz außer Haus und fanden dann die Nachricht ihres Sohnes auf dem AB. Hello, it’s me … try it later again.

Ab sofort wurde das Telefon nicht mehr aus den Augen bzw. Ohren gelassen. Einen Tag später versuchte es Tim dann erneut und ob Sie es glauben oder nicht, er hatte sich verwählt! Wohl die Aufregung. Eine ältere Dame nahm ab, meldete sich mit dem klassischen „Hello?“. Mehr bekommt man vom Engländer nicht verraten, man muß sich erst einmal selber vorstellen. Finde ich auch ganz in Ordnung, denn der Anrufer will ja was vom Angerufenen. Major Tim kennt natürlich die Stimme seiner Mutter und merkte sofort, dass sie das nicht war. Aber er war ziemlich unsicher, mit wem er denn nun verbunden war. Und so begann er schüchtern und etwa unbeholfen seine Begrüßung mit: „Is this Planet Earth?“

Die künstlichen Eisbahnen haben endgültig geschlossen. Es ist einfach zu warm. Kaum ist der ice rink dicht, fällt den Engländern eine andere Verwendung für den Hyde Park ein. Wenn Eis zu Wasser wird, nun gut, dann machen sie das Beste daraus und treffen sich am Weihnachtstag zum Anbaden. Mitten im Park liegt ein großer, langgesteckter See, genannt Serpentine. Am dortigen Badesteg verabredeten sich die Londoner und nahmen ein kühles Bad. Oder wie George es nennt: Party Dip.

swim
Die Engländer sind Wasseratten. Sie können zwar nicht besonders gut schwimmen, fühlen sich dort aber trotzdem wohl. Schwimmen gehört zu Christmas wie Santa Claus und Truthahn.

Übrigens sind heute, am 2. Weihnachtstag, alle Geschäfte geöffnet. In England ist Feiertag, genannt Boxing Day, aber nicht für Verkäufer. Denn am Boxing Day wird hemmungslos eingekauft. Kids verscherbeln das Geld, dass ihnen Oma und Opa zugesteckt haben, andere tauschen ihre Geschenke und die meisten sind einfach auf Schnäppchenjagd. Die Preise sind kräftig reduziert. Man rechnete mit dem größten Jahresumsatz und natürlich auch mit Chaos auf den Strassen. Diverse Undergrounds fahren nicht, weil die Feiertage für Arbeiten am Gleisnetz genutzt werden. Blöderweise gilt das auch für die Bahnen zu den Flughäfen Heathrow und Gatwick. Da dürfte der Teufel los sein. Ich empfehle den Nachtbus, der ist zwar fast zwei Stunden in Süd-London unterwegs, bis er dann mal in die Gebiete nördlich der Themse kommt, dafür lernt man ganz London für schlappe 5 Euro kennen. Leider fährt er nur bei Dunkelheit.

Zwei Stunden TV Christmas Special; gestern ging Downtown Abbey zu Ende. Zum Heulen schön, ich verrate aber nix.

Heute werden wir noch einmal richtig faul herumhängen. Essen, dösen, naschen, fernsehen, knabbern, dösen … Bis die Fernbedienung aus der Hand rutscht und die allerletzte Kalorien für das Zubebettgehen genutzt werden muß. Morgen aber wird aufgeräumt. Nicht nur die Wohnung. Bis Silvester muß die Weihnachtsdeko verschwunden sein, sonst fällt mir der Neustart schwer. Nicht dass ich etwas Wichtiges ändern will, aber vielleicht warten ja neue Aufgaben und denen will ich mich gerne stellen. Das ist wie ein neues Schuljahr. Da tauscht man dann ja auch das alte, vollgekleckste Heft gegen ein neues ein. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, was dort dann hineingeschrieben wird …

I love Great Britain heart shape symbol with white isolated back

Everything went wrong

merry-christmas-banner

Dass ich heute Zeit haben würde, einen Blogbeitrag zu schreiben, überrascht mich selbst. Aber natürlich ist alles anders gekommen als geplant. But else it would be a little bit boring. Ich war stramm erkältet und George hatte wohl schon eher die Grippe. Immerhin wachte er heute morgen ohne Fieber auf, dafür aber mit einem Bärenhunger. Das passte sich gut, denn die Entenbrust und der Rotkohl waren längst eingekauft. christmasEigentlich bereite ich so ein Essen im Schlaf zu, aber heute ging alles schief. Es mag an dem englischen Herd gelegen haben, dessen Bedienung mir nicht ganz so vertraut ist oder es sind die Nachwirkungen der Tabletten, die ich in den letzten Tagen geschluckt habe. Sparen wir uns die Details und kommen gleich zum Höhepunkt. Als ich die Ente gut gegart vermutete und deshalb in die Küche ging, schlugen mir hohe Flammen aus dem Bratofen entgegen! Statt Panik ergriff mich eher leichte Erheiterung; irgendwie fühlte ich mich wie in einer Kinokomödie. Mir schien das alles gar nicht real, inklusive meiner Rolle. Zum Glück war ich gerade noch rechtzeitig gekommen, um sowohl die Ente, als auch die Küche vor einer Weihnachtskatastrophe zu retten.

Merkwürdigerweise regte mich das alles wenig auf. Keine Frage ich war nicht bei der Sache, denn die brennende Marinade war nicht die einzige Panne, die mir unterlief. Die Kartoffeln kochten ohne Salz und, viel schlimmer, ich hatte vergessen eine Soße zu machen! Geflügel ohne dicke Sahnesoße – undenkbar. Eigentlich müßte ich jetzt hektisch werden, in Tränen ausbrechen oder wütend werden. Nichts geschah. Mit Gelassenheit reparierte ich die Baustellen, -statt Geflügelfond gab es nur eine fertige Soße aus der Mikrowelle-, und servierte fröhlichen Gemütes das eigentlich sehr lecker aussehende Essen. Als George dann die knusperige Entenbrust erwähnenswert fand, very nice and delicious, lachte ich dann doch lauthals los. Ja, das war sie wirklich, sehr schön braun und knackig.  

Was glauben Sie wie ein Engländer darauf reagiert, wenn man ihm erzählt, dass man fast sein Haus niedergebrannt hätte? Of course only by mistake. Er strahlt übers ganze Gesicht und lacht sich schief. Eine größere Freude hätte ich George gar nicht machen können. Leckeres Essen und eine brandneue (ha, ha) absurd lustige Geschichte, die man demnächst im Pub zum Besten geben kann. Perfekte Weihnachten, so soll es sein.

queen
Weihnachtsansprache der Queen aus dem Buckingham Palace. Punkt 3:00 Uhr saßen 85% der Engländer vorm Telly.

Die Queen sah nett aus. Ihre Weihnachtsbotschaft hat mir gut gefallen. Ganz lässig saß sie seitlich an einem Schreibtisch im Buckingham Palace. Darauf drei Fotos ihrer Lieben: Mann, Sohn Charles und Enkel William. Die Rahmen nach Größe abgestuft, ganz im Einklang mit der persönlichen Bedeutung. Ehemann Phillip im vollen Seitenformat. – Danach Kurznachrichten. Und da wurde dann ein Gedankenspiel erwähnt, dass mich lauthals lachen liess. Das war mal wieder typisch englisch und zeigte mir außerdem, dass auch andere gelangweilt zu Hause herumhängen. 

Man hat allen Ernstes errechnet was England (UK) in Pfund wert ist. Mit allem Drum und Dran. Dann hat man die Summe durch die Anzahl der Einwohner geteilt und stolz verkündet, das jeder einen Anteil von £125,000 bar auf die Hand erhalten würde. Allerdings nur dann, wenn man auch die Sparguthaben der Engländer mitverkaufen würde. Nun gut, das ist akzeptabel. Kaum jemand hat etwas auf der hohen Kante. Im Gegenteil, die Aussicht die Bankschulden loszuwerden, auf einen Schlag die Hypotheken getilgt zu wissen, zaubert ein weihnachtliches Lächeln auf die Gesichter der Immobilieneigentümer.

snowdog
Weihnachtsgruß aus dem Weltall. Besonders süß sind die Socken auf den Hundeohren. Wurde getwittert von @astro_ timpeake und zig-tausendmal angeklickt.

Kein Spinner sondern offizielle Stellen haben diese Rechnung aufgemacht. Ich zitiere: Britain would have a price tag of £8,063,000,000,000 if the whole country – and everything in it – was put up for sale, according to official Government figures. … The total includes the value of all homes in the country, along with all other buildings, machinery, bridges, roads, the shares we own and the money in our back accounts. … It would, of course, leave us all homeless and would be conditional on finding a suitable buyer. Meinen die das ernst oder bin ich mal wieder auf eine Satire hereingefallen? 

saleDieses absurde Gedankenspiel, den ganzen Krempel auf einen Schlag zu verhökern, das Land einfach bei Ebay reinstellen und aufs höchste Gebote zu warten, wurde in aller Breite ziemlich ernsthaft von den Moderatoren diskutiert. Nicht schlecht. Erst die königliche Weihnachtsbotschaft und dann der nationale Ausverkauf. Aber wahrscheinlich war es nur eine Satire und ich habe es wieder nicht gemerkt. Denn morgen ist Boxing Day, ein offizieller Feiertag zum Konsumieren. Wer laufen kann ist morgen in einem der Kaufhäuser und schlägt sich um die Super-Boxing-Day-Angebote. – Ohne uns, wir sind ganz froh ein Haus zu haben. Mein Kochen hat es uns bewußt gemacht, wir wollen weder vom Staat noch von der Versicherung den finanziellen Gegenwert haben. Und deshalb werden wir es uns jetzt mal ganz gemütlich machen. George im Bett mit fiebersenkenden Tropfen und ich, tief den Mentholdampf einatmend, auf dem Sofa, mit Handtuch über dem Kopf und Wasserschüssel auf dem Tisch. Frohe Weihnachten!

thanks
Hoffentlich haben Sie sich auch über ihre Geschenke so freuen können. Ich habe wohl das Richtige für George ausgesucht und jetzt habe ich prompt (s)eine Erkältung. Danke.

Alles ganz normal

In Deutschland steigt die Spannung. Heute wird der Heilige Abend gefeiert. In England passiert gar nix. Business as usual. Wohl wegen des ungewöhnlich milden Wetters, nadelt der Baum ohne Ende. We keep the hoover on standby this year. Englisch, pragmatisch, gute Lösung; danke George. Draußen kann man tatsächlich einige aufgeblühte Knospen an den Zierkirschen entdecken. Da läuft etwas aus dem Ruder. Auch George scheint in den letzen Tagen, oder sollte ich besser Nächten sagen, im Frühlingsmodus zu sein. Warten wir ab, irgendwie und irgendwann wird sich alles wieder normalisieren. – Morgen ist Vollmond, am Weihnachtstag (!); mich würde es nicht wundern, wenn anschließend der Winter mit Macht über’s Land zieht.

Eine Woche vor Weihnachten passierte Sensationelles im Königreich. Sie haben wahrscheinlich noch nicht davon gehört, denn ausserhalb der Insel wurde es nicht einmal als Fußnote in den Nachrichten erwähnt: Der erste Brite ist im Weltall. Wow! Major Tim hob vom russischen Weltraumbahnhof ab und erreichte acht Stunden später die internationale Raumstation (ISS). Sein Kommentar zum sechsmonatigen Aufenthalt im All war kurz und humorvoll: „It’s a great day in the office.“ Seitdem werden die Engländer abends ausfühlich über die Raumfahrt aufgeklärt. Gebannt sitzt man vorm Telly und staunt. Nur zur Erinnerung, der erste Deutsche flog 1978 ins All. Oder wenn sie ihn, Sigmund Jähn, nicht zählen wollen dann eben Ulf Merbold, der 1983 folgte. Weitere neun folgten, ohne abendliche Brennpunkt Sendung. Trotzdem Glückwunsch an die Briten, sie sind schon echte daredevils.

Viel interessanter fand ich was vom All zurückkam, nämlich ein Gruß vom leibhaftigen Grinch. Der hatte sich listig in einer Magnetwolke versteckt und grinste grün vom Himmel.

grinch
Ein Nordlicht über Island. Diese Foto gelang dem Schotten Graeme Whipps in diesen Tagen. Da läuft es einem schon kalt über den Rücken, oder?

Ach, noch mal zurück zum braven Major Tim. Das (mir) Wichtigste habe ich ganz vergessen zu erzählen. Er hat doch tatsächlich für seinen Aufenthalt im Weltall ein typisch englisches Utensil bekommen. Man schickte ihm eine „china tea-cup to the station, so he can enjoy a brew in traditonal style“. Gott sei Dank, haben sich 54 Millionen Engländer gedacht. Sollte doch irgendetwas schief gehen, dann kann er wenigsten sagen: „I’ll put the cattle on“ und dann wird mit Sicherheit alles gut werden.  Wie sang Peter Schilling? Major Tim macht einen Scherz, dann hebt er ab …

matt-space

Jetzt ist genug mit feiner Ironie, denn eigentlich gefällt es mir, dass man den Mitmenschen Respekt zollt. Egal ob sie nun ins All fliegen oder einfach ’nur‘ für einen Moment Freude verschenken. Oft genug habe ich erwähnt, dass das Pflicht für jeden Engländer ist. Aber es wird auch von den tierischen Freunden erwartet. Und so hat man das Shetland Pony mit dem Namen Cruachan III jetzt ausgezeichnt. Das brave 23-jährige Tier hat lange Zeit als Maskottchen des Royal Regiment of Scotland gedient. Viele von uns kennen es vielleicht von der jährlichen royal birthday party ‚Colour the Troops‘. Dem Pferd wurde eine der höchsten Auszeichnungen verliehen, mit der Begründung: Cruchan III is given a top honour in recognigation of his long career, brightening the lives of so many people. Wenn man ähnliches über mich eines Tages sagen wird, wäre es (mein Leben) ein voller Erfolg gewesen. Ich fürchte es wird nicht passieren. 

pony
Ganz abgeklärt bertrachtet Cruachan III seine Auszeichnung. Genieße deinen Ruhestand!

Inzwischen habe ich mich an das ungewohnte outfit von George gewöhnt. Ausgerechnet er, der ohne Krawatte nicht zum Mülleimer gehen kann, kommt aus seinem Christmas Sweater nicht mehr heraus. Aber wie immer, lebt er damit nur beste englische Tradition. Weihnachten ist ein gemütliche Zeit und da darf man es sich bequem machen. Ich bin schon auf alles gefasst, wenn er mir morgen früh das Weihnachts-Frühstück ans Bett bringt, -was ich mal ganz stark vermute-, dann wird er bestimmt noch einen ganz besonderen Hingucker parat haben. Von wo wird  mich Rudolph angrinsen? Shirt or pants? Seit gestern trägt er auch stolz das plüschige Rentiergeweih. Es läßt sich auf dem Kopf festklemmen, was bei meinem bald head besonders blöde aussieht. Jetzt will er aber mit Barney noch um die Häuser ziehen und dazu setzt er sich die rote Weihnachtsmütze auf. Im dicken, weißen Pelzrand sind Lichter eingenäht, die pulsierend blinken. Natürlich werden sie angemacht. Tolles Bild, blinky and twinky laufen Richtung Hampstead Heath. Der Hund trägt ein Halsband, das im selben Tempo wie die Mütze aufblinkt. Falls Major Tim gerade über uns schwebt, und er sich weit aus dem Fenster seines Space-Modules herauslehnt, kann er sie vielleicht sogar sehen.

christmas-tree

I love you!

xmasVielleicht bin ich ja verrückt? Ich kann es ja auch nicht ändern, aber auch nach einem Jahr Annäherung bin ich noch immer dem englischen Charme erlegen. Was immer sie machen, sobald sie ursprünglich werden, geht mir das Herz auf. Oberflächlich betrachtet benehmen sie sich dann ziemlich spooky, pretty crazy and weired. Macht man sich die Mühe es verstehen zu wollen, wird man schnell zum Bewunderer und, wie in meinem Fall, zum verliebten Fan.

Rund um Weihnachten ist es in England Tradition ein öffentliches Bad zu nehmen. Entweder springt man in einen Teich oder gleich in die offene See. Die Kälte wird ignoriert, schlimmstenfalls wärmt man sich von innen mit ein paar Gläsern Schnaps. Natürlich ist das ungesund, auch unvernünftig und vielleicht sogar verboten, aber es macht auch SPASS. Und dem kann kein Engländer widerstehen.

Schauen Sie sich diese junge Frau an. Ist das nicht großartig. Ich könnte niederknien, um ihr meine Hochachtung zu zollen. Anstatt über sich selbst nachzudenken oder sich möglichst gut in Szene zu setzten, gibt sie alles, um die anderen zu unterhalten. Soviel Selbstbewußtsein muß man erst einmal haben. By the way, sie ist natürlich weder eine Komödiantin noch bekommt sie Geld für diesen Stunt. Sie ist einfache eine ganz normale Engländerin. Bravo und danke für die gute Laune, die du mir mit deiner tollen Idee geschenkt hast!

new-years-swim

Good old tradition

mistletoe
In England suchen wir uns unsere Mistletoezweige selbst in der Natur und nehmen sie dann mit nach Hause, wo sie über die Türen gehängt werden. – Die Mistel ist eigentlich ein Parasit, denn sie lebt auf Wirtspflanzen. Einige Beeren sind ziemlich giftig.

„Christmas is galloping towards us like a rocket-propelled Rudolph“, stellt George am frühen Morgen fest. Und damit liegt er richtig, wenn auch der Blick in den Garten etwas anderes vermuten lässt. Eichhörnchen jagen über den Rasen, was mir weniger nach Flucht aber stark nach Paarungslust aussieht. Weil ich mich partout nicht entscheiden kann, wann ich nach London fliege, ist es jetzt passiert. Wir sind zu dritt in meiner Wohnung. Sally ist angekommen, sie wird ihre Ferien in Hamburg verbringen und kann meine (theoretisch) verwaiste Wohnung nutzen. Natürlich kennen wir sie schon lange.

Für mich ist es eine eher ungewohnte Enge, aber für die beiden Engländer ganz normaler Alltag. Sally kann ihr Glück kaum fassen, dass sie eine 2-bedroom-flat, ganz für sich alleine haben wird. In England lebt sie in einem 12-Quadratmeter-Zimmer, in einer WG, nahe Oxford. Ausser Bett und schmalen Spind kann sie dort nichts weiter unterbringen. Mietkosten fast 300 Euro pro Monat. Trotzdem ist Sally glücklich, das Zimmer gefunden zu haben. Sie studiert und kann sich unmöglich mehr leisten.

stonehenge
Solarer Winteranfang. Die Sonne wechselt in den Steinbock.

Gut, was George betrifft, gilt auch nach einem Jahr noch immer: Es kann gar nicht eng genug werden. Um Nähe mit Sally herzustellen, versuche ich einen Witz über die englische Weihnachtstraditon der Mistelzweige zu machen und entdecke dabei ganz nebenbei ein Geheimnis. Kann es sein, dass man die Zweige nur oder auch deshalb aufhängt, um aufkommende Aggressionen im Keim zu ersticken? In England lebt man viel enger zusammen als hier und über Weihnachten kommt noch zusätzlicher Besuch. Oft auch über mehrere Tage und Nächte. Wie übersteht man das ohne Familiendrama? Nun, ich denke mir, wenn man sich regelmäßig unter dem Mistelzweig küsst, kann das ganz beachtlich dazu beitragen, die Stimmung im angenehmen Bereich zu halten. Es ist zwar inzwischen ein bißchen aus der Mode gekommen, aber im old-fashion Haushalt wird man mehrere Mistletoes an der Decke oder am Türrahmen finden. Sobald man darunter steht darf man geküßt werden. Die Bandbreite reicht von zarter Wangenberührung bis zum intensiven Abschlecken. Ganz nach Geschmack.

Während George den rocking-propelled Rudolph im Auge behält, habe ich etwas ganz anderes bemerkt: Heute in der ‚Thomasnacht‘ wechselt die Sonne in den Steinbock. Sie erreicht den südlichsten Punkt ihrer Himmelsbahn, was wir als  Wintersonnenwende bezeichnen. Eigentlich wäre es eine gute Idee, diesen Tag in Stonehenge zu feiern, aber so einfach ist das auch nicht mehr. Der Steinkreis ist nicht mehr öffentlich zugänglich, nur geführte Gruppen können in die Mitte des prähistorischen Kraftkreises eintreten. Allerdings führt die Landstraße nahe vorbei, selbst im Sommer kann man einen guten Blick auf die großen Steine werfen. 

Korrektur: George macht mich darauf aufmerksam, dass man an den Tagen der Sonnenwenden kostenfrei Stonehenge betreten kann. In der Zeitung stand: Entrance to the stones is free on December 22nd and will be available from about 7.45am until 10am, when the site will close before re-opening as normal. Danke!

stonehenge1
Wer auf Stille in Stonehenge hofft, liegt schief. Im Winter 2014 war ordentlich was los.

Die Engländer sprechen übrigens vom winter solstice, betonen also den scheinbaren Stillstand der Sonne. Der Begriff sunturn ist auch geläufig, wurde aber aus dem Deutschen übernommen. Der Stonehenge Circle ist ohne Frage besonders sorgfältig auf den Punkt der Wintersonnenwende ausgerichtet. Man kann gut nachvollziehen, dass den Erbauern dieses Ereignis viel wichtiger war als der Gegenpunkt im Sommer. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, das englische Wissenschaftler sich jetzt einig sind, wie die tonnenschweren Steine nach Wiltshire transportiert wurden. Die Lösung ist verblüffend einfach: Es waren eiszeitliche Gletscher. Kein Mensch hat Hand angelegt, was auch kaum vorstellbar ist, wenn man jemals neben einem solchen Koloß gestanden hat.

Selbsternannte Druiden. Glück sieht anders aus, oder?

Ganz Schlaue haben sich längst einen urbanen Ersatz zu Stonehenge einfallen lassen. Denn dort trifft man nicht nur auf Natur-/Kulturfreunde, sondern auch auf selbsternannte Druiden in merkwürdigen Kostümen. Ich kann die gar nicht einschätzen und manchmal machen sie mir Angst. Also statt magischen Ritualen beizuwohnen, bleibe ich doch viel lieber in vertrauter Umgebung, suche mir eine schnurgerade Strasse, die von Nord-West nach Süd-Ost verläuft und schon kann ich die Wintersonne anpeilen. Funktioniert auch mitten in London. Oder Hamburg, Perfekt.

streets
Diese Londoner Strassen eigenen sich hervorragend zur Sonnenwende. Die roten im Winter und die orange farbenden im Sommer. Genial.

George sind die kosmischen Dimensionen momentan eher Wurscht. Er stellt fest, dass er vergessen hat seinen Rückflug zu buchen und kommt ins Schwitzen. Diese Dinge nimmt er nicht sehr genau, ist schon so manches mal auf gut Glück zum Flughafen gefahren und wurde bislang immer mitgenommen. Allerdings über die Ticketpreise, die er dann zahlt, will ich mal lieber schweigen. Jetzt aber wird es eng. Zu Weihnachten wollen doch bestimmt viele Menschen verreisen oder nach Hause fliegen und darunter werden wohl auch Engländer sein? 

Aber es klappt, er muß nicht schwimmen. Zwar bleibt nur noch der Early Bird, das heißt Aufstehen um 5:00 Uhr, aber das macht ihm wenig aus. Und wenn er es verschläft, was auch nicht das erste Mal wäre, könnte er sogar noch ganz bequem am Nachmittag des 24. Dezember nachkommen. Aber das sage ich ihm jetzt erst mal nicht. Und schon ist er dabei alles Wichtige einzupacken und dazu gehört natürlich auch a large bundle of mistletoe. „Wo willst du den anbringen?“ „I hold it in my hand. So I’m always on standby for kissing you.“

Rocking Christmas Time

Vielleicht ganz gut, dass es mal wieder ganz anders gekommen ist. Statt den ganzen Dezember in London zu verbringen, bin ich nur einige Tage dort. Dann geht es erst mal wieder nach Hause, um schließlich Weihnachten, vielleicht zusammen mit Santa, zurückzufliegen.

doctors
Bunte Sweater sind in England Pflicht. Hier sind Ärzte und Helfer versammelt, die im Krankenhaus arbeiten. So läuft im Dezember jeder herum.

Mir scheint Weihnachten dreht der Engländer durch. Das muß ich so pauschal feststellen. Während wir uns wenigstens zum Heiligen Fest, also einmal jährlich, in Schale werfen, zieht der Engländer seinen smart suit aus.  Eigentlich ja immer modebewußt und sehr elegant gekleidet, wird ihm die Etikette auf einmal lästig. Je näher das Fest rückt, desto spleeniger wird’s. 

Weihnachten geht man gerne baden. Swimming around the Christmas tree ist Tradition.

Täglich wird gefeiert. Gut, auch in den anderen elf Monaten geht man gerne abends erst einmal ein oder zwei Bier trinken, bevor man die meist lange Heimreise in einem der Fernzüge antritt. Aber jetzt im Dezember scheint swinging London gar nicht mehr nüchtern werden zu wollen. Dabei sind die Menschen lustig, lieb und nett wie immer. Auch unter Alkoholeinfluß bleiben sie sehr friedfertig. Das einzige was ansteigt ist ihr Drang ein Jux nach dem anderen zu zünden. Oft und gerne mit erotischen Anspielungen gemixt, aber auch die zielen immer und ausschließlich auf’s Zwerchfell ab.

jaegermeister
London feiert die Weihnachtszeit. Weil es kalt ist, braucht man ein bißchen innere Wärme. Mit Bier und Jägermeister geht das Feuer nicht aus.

George kommt in diesen Tagen schon mal gerne mit einer Begrüßung wie: „Jingle my bells and I’ll guarantee a white Christmas“ nach Hause. Übersetzt heißt das: Wir hatten heute viel Spaß und jetzt freue ich mich dich zu sehen. 

samantha-sweater
Selbst Samantha Cameron, Frau des Premier, trägt xMas Pulli. Ihr Kleidungsstil ist einer der elegantesten. Aber im Dezember braucht man was Lustiges.

Ich habe ihn im ganzen letzten Jahr nicht einmal im Jogging Anzug zu Hause gesehen, sobald er seine Runde gedreht hat, zieht er sich um, aber jetzt hängt er abends in weiten, flauschigen Trainers herum. Dazu bunte Sweater, die man noch nicht mal zur Kleidersammlung geben mag. Aber er hält sich strikt an die Kleiderordnung, im Dezember kann man nicht wie täglich rumlaufen. Also raus aus dem Dreitteiler und rein in die feel-good clothes. Let yourself be pampered by Christmas spirit.

sweater
Und noch ein Team im Festive Modus. Wer in diesen Tagen einfarbig rumläuft ist nur auf Durchreise hier.

Schade, vielleicht hätte ich doch den ganzen Dezember in London verbringen sollen, denn was soll ich sagen, es macht Spaß. Und wie! Weihnachten als Gaudi, oh du fröhliche wörtlich genommen. Es ist nicht die künstliche Disneyworld, die ich aus amerikanischen Filmen kenne, nein, in England wird das innere Kind freigelassen. Vier Wochen lang darf es ungeniert und in aller Öffentlichkeit spielen. Ob man es als Tourist mitbekommt, weiß ich nicht so genau, denn man muß schon Einblick in Arbeitswelt und Familie haben. Dort aber wird man einfach mitgerissen. Ebenezer Scrooge, der Grinch und deutscher Trübsinn haben keine Chance. 

Au weia! Irgendwie haben die Engländer kein Kälteempfinden. Kann man das trainieren? Baden im Dezember.

Blöd nur, das George das englische Verhalten mit nach Hamburg gebracht hat. Dort feiern wir nämlich die Adventszeit. Während die Nachbarn besinnlich um  ihren Kranz versammelt sitzen und partout darüber keine Freude empfinden können, dass jede Woche eine mickerige Kerze mehr angezündet wird, rennt George im bunten Pulli durchs Haus, singend, pfeifend, tanzend und verschenkt gute Laune. Ich glaube den Nachbarn wird es langsam unheimlich. Nicht das der Deutsche keine Freude kennt, aber doch nicht wochenlang. Ohne Pause. Das ist verdächtig und macht Angst. Egal, wir machen uns auf den Weg nach England und darauf freue ich mich schon. Frohe Weihnachten – Merry Christmas

Und das gibt es dann auch zu sehen. Rotwild im Richmond Park, Süd-London.